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### Erster Tag
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Es hat mich mein halbes Leben gekostet, und am Ende war es ein Zufall. Unter den alten Zeichnungen aus dem Erbe von [[Gräfin Emilia Voss|Emilia]] lag ein Plan, den ich mein Leben lang gesucht habe: ein Verlies unter dem [[Anwesen Voss|Herrenhaus]], auf keiner Karte der letzten zweihundert Jahre verzeichnet, von keiner Chronik erwähnt. Niemand hat es gebaut — oder niemand will sich erinnern, dass es gebaut wurde. Ich habe den Durchbruch geschlagen und bin hinabgestiegen. Die Kammer ist rund, die Decke gewölbt, und in den Boden sind acht Runen geschmolzen, als hätte jemand glühendes Eisen in den Fels gelegt — oder als hätte der Fels sie selbst ausgeschwitzt. Darum herum Knochen. Viele Knochen, in Mustern angeordnet, als wären sie gelegt worden, nicht gefallen. Ich sollte gehen. Ich kann nicht gehen. Der Kreis zieht mich an wie ein Hunger, den ich nie gekannt habe, und ich habe Angst, dass er mich nicht mehr loslässt, wenn ich ihm den Rücken kehre.
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Es hat mich mein halbes Leben gekostet, und am Ende war es ein Zufall. Unter den alten Zeichnungen aus dem Erbe von [[Gräfin Emilia Voss|Emilia]] lag ein Plan, den ich mein Leben lang gesucht habe: ein Verlies unter dem [[Anwesen Voss|Herrenhaus]], auf keiner Karte der letzten achtzig Jahre verzeichnet, von keiner Chronik erwähnt. Niemand hat es gebaut — oder niemand will sich erinnern, dass es gebaut wurde. Ich habe den Durchbruch geschlagen und bin hinabgestiegen. Die Kammer ist rund, die Decke gewölbt, und in den Boden sind acht Runen getrieben — keine Zeichen, die ein Meißel geschlagen hätte, sondern Vertiefungen, glatt und alt, als hätte das Gestein sie getragen, bevor die Welt ihre Form fand. Darum herum keine Ordnung, nur Zeugen: vollständige Gerippe entlang der Wände, ein humanoides Wesen, eine Ratte, anderes, das ich nicht mehr bestimmen kann — alles, was der Ort über die Zeit verschlungen hat, Stück für Stück von der [[Konvergenz]] konsumiert, bis nur noch Knochen blieben. Ich sollte gehen und das alles zurück lassen, doch ich kann es nicht. Ich sage mir, es sei die Neugier eines alten Mannes, der endlich etwas gefunden hat. Aber manchmal, in der Stille, meine ich, der Kreis zöge mich an wie ein Hunger, den ich nie gekannt habe — und ich habe Angst, dass er mich nicht mehr loslässt, wenn ich ihm den Rücken kehre.
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### Der Kreis
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### Der Kreis / Tag 3
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Ich verbringe jede freie Stunde dort unten. Ich habe die Runen abgezeichnet, die Skelette gezählt, den Boden nach Adern abgetastet. Die Legenden der [[Mykori]] erzählen von Bindung und Opfer, von Wesen, die in den Fels gebrannt wurden — aber was hier liegt, ist anders. Älter. Fremder. Als käme die Magie nicht aus einer Hand, nicht aus einem Volk, sondern aus dem Boden selbst, aus Adern, die unter der Welt verlaufen und sich an diesem Ort kreuzen. Ich habe Bücher über [[Chaosmagie]] gelesen, bis mir die Augen brannten, und je mehr ich lese, desto weniger weiß ich. Vielleicht haben die Mykori den Kreis nur gefunden, nicht geschaffen. Vielleicht war er immer da und wartet nur darauf, dass jemand zurückkommt. Emilia bittet mich aufzuhören. Ich höre sie kaum noch. Der Kreis flüstert nicht — er wartet. Und ich weiß jetzt: Unter der Kammer liegt etwas. Etwas, das die ganze Zeit auf mich gewartet hat.
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Ich verbringe jede freie Stunde dort unten. Ich habe die Runen abgezeichnet, die Skelette gezählt, den Boden nach Adern abgetastet. Jetzt weiß ich, was die Legenden der [[Mykori]] wirklich erzählen: Bindung und Opfer, Wesen, die in den Fels gebrannt wurden — es ist keine Sage. Die [[Mykori]] haben diese Runen einst heraufbeschworen, um die [[Chaosmagie]] und den [[Chaosgott]] zu bändigen. Seither entstehen sie überall dort, wo sich die Leylinien der [[Chaosmagie]] kreuzen, wie Narben auf der Haut der Welt — und unter dieser Kammer kreuzen sie sich.
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### Der Abstieg
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Ich habe Bücher über [[Chaosmagie]] gelesen, bis mir die Augen brannten, und je mehr ich lese, desto weniger weiß ich. Die Mykori haben den Kreis geschaffen, als Siegel, als Käfig. Und ich? Ich habe ihn geöffnet. In meinen Versuchen, die Runen nachzuzeichnen, mit Asche, mit Pulver, mit allem, was ich an Blut entbehren konnte, habe ich die Linien gefüttert — und in den späten Nächten meinte ich manchmal, etwas hätte geantwortet. Ein Flüstern, so leise, dass ich es zuerst für das Rauschen meines eigenen Blutes hielt, Worte in einer Sprache, die ich nicht spreche und doch zu verstehen glaube. Vielleicht bilde ich es mir ein. Vielleicht ist es die Erschöpfung, die mit mir spricht. Emilia bittet mich aufzuhören. Ich verstehe sie kaum noch. Der Kreis selbst schweigt; nur der Gedanke in mir will nicht weichen: Unter der Kammer liegt etwas. Etwas, das die ganze Zeit auf mich gewartet hat — so sagt meine Angst, wenn ich ihr denn glauben darf.
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Ich habe eine Expedition zusammengestellt. Fünf Gefährten, Männer, denen ich vertraute: ein Priester, ein Kartograf, ein Hauptmann, ein Söldner und ein Junge, der die Fackeln trug. Wir brachen den Boden der Kuppelkammer auf und fanden den Schacht: senkrecht, in schwarzen Stein getrieben, mit Wendeltreppen, deren Stufen nicht zu den Maßen menschlicher Baukunst passen. Anfangs war alles solide — Stein, Staub, Stille, wie in jedem alten Gewölbe. Dann kam der Nebel. Er hing nicht; er breitete sich aus, als suchte er etwas, als tastete er nach uns. Die Wände begannen zu pulsieren, kaum sichtbar, wie eine Haut über einem Herzen. Meine Gefährten lachten, um sich Mut zu machen. Ich lachte nicht. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir stiegen. Stunden vergingen in Minuten, Minuten in Stunden, und die Fackeln brannten, ohne kürzer zu werden. Ich habe aufgehört, die Stufen zu zählen, als die Zahl anfing, mir zu widersprechen.
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### Der Abstieg / Tag 10
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### Immer tiefer
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Ich habe eine Expedition zusammengestellt. Vier Gefährten, Männer, denen ich vertraute: ein Priester, ein Kartograf, ein Hauptmann und ein Söldner. Es gibt einen Schacht, der mir zu Beginn gar nicht aufgefallen war. Er liegt direkt außerhalb der Kammer, links, wenn man zu ihr unterwegs ist, und er war nicht neu und nicht gegraben: Er war immer da gewesen, als hätte die Welt ihn an dieser Stelle vergessen. Senkrecht fällt er mehrere hundert Meter in die Tiefe, ein glatter Schacht ohne Stufen, ohne Tritte, aus hartem Obsidian geschliffen, so dunkel, dass das Licht der Fackeln an seinen Wänden zerbrach, statt sie zu erhellen. Hinabsteigen gibt es hier nicht — nur abseilen. Wir brauchten unser längstes Seil, alle Karabiner und Haken, die wir besaßen, und einen Mechanismus, den wir aus Äxten und Eisenstäben zusammenzimmerten, um uns einer nach dem anderen in die Schwärze zu lassen. Anfangs war alles solide: Stein, Staub, Stille, wie in jedem alten Gewölbe. Dann kam der Nebel. Er hing und breitete sich aus, als suchte er etwas, als tastete er nach uns... oder es kam mir nur so vor, hier in der Schwärze, wo das Auge keinen Halt findet. Meine Gefährten lachten, um sich Mut zu machen. Ich lachte nicht. Manchmal, wenn das Licht flackerte, meinte ich, die Wände pulsieren zu sehen, wie eine Haut über einem Herzen — aber Fackellicht spielt einem in dieser Tiefe Streiche. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir seilten. Stunden vergingen in Minuten, Minuten in Stunden, und die Fackeln brannten, ohne kürzer zu werden. Ich habe aufgegeben, die Seillängen zu zählen.
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Wir verloren die Richtung, obwohl es nur einen Weg gab. Der Kartograf schwor, die Treppe würde sich bewegen, wenn niemand hinsah — und ich glaube ihm. Einmal standen wir vor einem Tor, das wir kurz zuvor passiert hatten, aber es war gespiegelt, umgedreht, unmöglich, als hätte jemand die Welt gefaltet und wieder auseinandergezogen. Die Geräusche kamen aus falschen Richtungen. Tropfen fielen von der Decke, doch es gab keine Decke, nur Nebel. Aus den Wänden quoll eine gallertartige Substanz, grau und zäh, und an manchen Stellen hing Blut, das nicht von uns stammte. In Nischen lagen die Knochen anderer, die den Weg gegangen waren — viele, sehr viele, älter als jedes Grab, das ich kenne. Und dann begann das Flüstern. Es kam nicht von außen. Es kam aus unseren eigenen Köpfen, aus den Stimmen der Gefährten, die Sätze sagten, die sie nie gedacht hatten. Eines Nachts lief der Kartograf voraus, rief etwas in einer Sprache, die keiner kannte, und verschwand im Nebel. Wir suchten nicht lange. Wir hörten seine Schritte noch Stunden — von überall her. Ich habe mir eingeredet, es sei Erschöpfung. Ich habe es gewusst: Wir waren nicht in einem Berg. Wir waren in einem Gefängnis — und das Gefängnis war wach.
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### Immer tiefer / Tag 12
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### Das Gefängnis
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Unten angekommen gabelt sich der Weg. Viele Pfade ergeben sich radial von unserer Position. Wir stehen im Herz des Berges, und es ist so still, dass ich mein eigenes Blut höre. Dann das Geräusch: tief, aus den Felswänden: Es klingt wie ein Atem, der nicht von uns kommt, aber es ist sicherlich nur der Berg, der in der Kälte arbeitet. Wir tasten uns voran. Ich vertreibe mir die Zeit mit Notizen in dieses Heft:
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Jetzt, da ich die Zeichen zu lesen beginne, bin ich sicher: Dies ist kein Verlies, kein Grab, kein Tempel. Es ist ein Gefängnis, mit Absicht errichtet, mit Absicht tief gebaut, damit nichts, was hier eingeschlossen liegt, jemals wieder ans Licht findet. Ich habe die Ketten gesehen — eiserne Ringe, so dick wie mein Arm, die aus dem Fels wachsen und in die Tiefe führen, und zwischen ihnen etwas, das ich nicht beschreiben kann, weil ich es nur aus den Augenwinkeln gesehen habe. Die gallertartige Masse an den Wänden ist kein Schleim. Es ist das, was von denen übrig bleibt, die zu lange hier unten waren. Die Skelette in den Nischen sind die früheren Wärter — oder die früheren Opfer. Vielleicht ist es dasselbe. Das Gefängnis hat Hunger, und es hat gelernt, seine Wärter zu füttern.
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Edmund, der Kartograf, erinnert mich an mich selbst. Er zeichnet jede Wand, jeden Spalt, und redet dabei leise vor sich hin. Eines Nachts behauptet er, wir hätten diesen Gang schon vor Stunden passiert, und überprüft seine Aufzeichnungen auf Schleifen die wir gegangen sein müssen.
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### Der Priester
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Pater Anselm betet, wenn er glaubt, dass niemand zuhört. Er ist der Frömmste von uns, und ich weiß nicht, ob das ein Segen oder ein Fluch ist. Er erzählt mir, das Licht hätte zu ihm gesprochen, freundlich, als wäre es gekommen, um uns zu führen. Ich glaube nicht an soerlei Sachen, aber er ist schließlich der Expert für Göttliche Phänomene.
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Der Priester ging als Erster verloren, den wir zurücklassen mussten. Er war der Frömmste von uns, ein guter Mann, und genau deshalb hat es ihn zuerst geholt. In der vierten Nacht begann er, allein zu sprechen — mit einer Stimme, die nicht die seine war, die unsere Namen rief, als würde sie uns kennen, als hätte sie uns schon immer gekannt. Er sagte, ein Licht hätte ihn gerufen. Ein Bote. Ein Engel. Er kniete nieder und betete zu etwas, das aus dem Nebel zu ihm sprach, und als wir ihn am Morgen weckten, war er nicht mehr er selbst. Er lief voraus, immer tiefer, und wir hörten ihn singen — ein Lied, das keiner von uns kannte, bis die Wände es zurücksangen. Wir fanden ihn an einem Altar. Er lächelte. Seine Augen waren nicht seine Augen. Wir ließen ihn dort. Wir haben ihn dort gelassen. Das war der erste Tribut, den der Abgrund nahm. Nicht der letzte.
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Hauptmann Roderich hält die Ordnung aufrecht, obwohl es in dieser kleinen Runde keine Ordnung braucht. Er zählt uns morgens durch, wie ein Wachposten.
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Er hat sich in den letzten Tagen ein paar mal verhält. Ich Frage mich, warum er auf diesem sinnlosen Ritual beharrt.
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### Bote des Lichts
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Adrik, der Söldner, lacht über alles, was Roderich sagt. Er stellt sich gerne als mutig dar in seinen Geschichten, aber ich sehe ihn manchmal zittern, wenn niemand hinsieht. Er trägt das Licht, und solange er es trägt, scheint der Weg klar. Doch er sieht Dinge, die die anderen nicht sehen — zwei Schatten, wo ich nur einen sehe — und behauptet, der Kartograf hätte ihm zugeflüstert, wir sollten umkehren. Edmund bestreitet es. Ich weiß nicht mehr, wem ich glauben soll.
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Jetzt höre ich sie auch. Anfangs war sie schön — eine Stimme, die Balsam auf jede Wunde legte, die meine Zweifel kannte, meine Erinnerungen, die Namen derer, die ich geliebt habe. Sie nannte sich Bote des Lichts, Hüter des Weges, und versprach, mich zu führen, wenn ich nur vertraute. Sie sprach in Emilias Stimme, als ich schwach wurde, und ich hätte ihr fast geglaubt. Sie sprach in meiner eigenen Stimme, als ich allein war, und ich hätte ihr fast geantwortet. Und dann — ich weiß nicht mehr, wann — klang sie nicht mehr schön. Sie klang alt. Verfault. Vergessen. Zornig. Verrostet und voller Hass, wie ein Messer, das zu lange im Boden gelegen hat. Die Inschriften an den Wänden verhöhnten mich: Symbole, die sich veränderten, wenn ich hinsah, Worte, die ich nicht lesen konnte, aber verstand. „Du bist nichts", stand da. „Nur noch eine weitere Kreatur für mich."
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### Die Vermutung / Tag 14 [Bei Davon im Schuppen von Casimir gefunden]
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### Einer nach dem anderen
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Der Hauptmann war der nächste. Er glaubte an nichts, und genau das nahm ihm der Abgrund: Er zeigte ihm alles, was er je bezweifelt hatte, und ließ ihn daran ersticken, bis er sich selbst in den Nebel warf, um zu beweisen, dass nichts ihn halten konnte. Dann der Söldner, der nachts aufwachte und schrie, die Wände wären näher gekommen — und er hatte recht, sie waren es. Dann der Junge, der die Fackeln trug; er hörte seine Mutter rufen, obwohl seine Mutter seit zehn Jahren tot war, und er lief ihr entgegen, als wäre sie das einzige Licht in dieser Finsternis. Jeder Verlust war ein Stück von mir. Ich habe aufgehört, ihre Namen zu sagen, weil die Wände sie mir nachsprachen, als gehörten sie ihnen. Und doch ging ich weiter, denn der Abgrund gab mir etwas, das ich nicht benennen kann — oder ich wollte es nicht benennen.
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Je länger ich hier unten bin, desto sicherer bin ich mir, dass diese Gänge nichts Natürliches an sich haben. Kein Fluss hat sie gegraben, kein Erdbeben sie gerissen — die Wände stehen zu gerade, die Rundungen zu vollkommen, als hätte jemand sie bedacht, ehe sie entstanden. Und doch fühlen sich die Höhlen an wie Schleifen: Jeder Weg kehrt zu sich selbst zurück, jede Biegung erinnert an eine, die ich schon gegangen bin, ohne dass ich den Kreis je schließen sehe. Das Seltsamste aber ist, wie leicht es fällt, tiefer hineinzugehen. Der Abstieg kostet keine Mühe mehr, während jeder Schritt zurück so schwer wird, als trüge der Berg mein Gewicht. Ich glaube, wir sind nicht hier, weil wir uns verlaufen haben — wir sind hier, weil der Weg nach draußen verschlossen ist, und ich weiß nicht mehr, ob er je offen war.
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### Das Gefängnis / Tag 16
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Jetzt, da ich die Zeichen zu lesen beginne, verdichtet sich meine Vermutung: Dies ist kein Verlies, kein Grab, kein Tempel, sondern ein Gefängnis, mit Absicht errichtet, mit Absicht tief gebaut, damit nichts, was hier eingeschlossen liegt, jemals wieder ans Licht findet. Ich habe die Ketten gesehen — eiserne Ringe, so dick wie mein Arm, die aus dem Fels wachsen und in die Tiefe führen — und zwischen ihnen etwas, das ich nicht beschreiben kann, weil ich es nur aus den Augenwinkeln gesehen habe; vielleicht war es nur ein Schatten. Die gallertartige Masse an den Wänden will ich nicht Schleim nennen; ich fürchte, es ist das, was von denen übrig bleibt, die zu lange hier unten waren — aber ich kann nichts beweisen, und die Müdigkeit macht aus jedem Fleck ein Gesicht. Die Skelette in den Nischen sind die früheren Wärter — oder die früheren Opfer; vielleicht ist es dasselbe. Manchmal meine ich, das Gefängnis hätte Hunger und hätte gelernt, seine Wärter zu füttern. Und doch hat es keine Gitter und keine Mauern; wenn es uns gefangen hält, dann die Gedanken, die im Kreis gehen, bis man nicht mehr weiß, ob man den Ausgang sucht oder schon lange gesucht hat. Mir scheint, der Berg will uns nicht mehr hergeben; aber vielleicht ist es nur die Dunkelheit, die einem den Weg raubt. Das merken wir erst später, wenn es zu spät ist. Ich schreibe das hier nicht, um zu warnen. Ich schreibe es, weil ich Angst habe, dass ich es bald nicht mehr kann.
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### Allgemeine Beobachtungen / Tag ???
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**Notiz, erste.** Pater Anselm begann, allein zu sprechen — mit einer Stimme, die nicht die seine war, die unsere Namen rief, als würde sie uns kennen, als hätte sie uns schon immer gekannt. Er sagte, ein Licht hätte ihn gerufen, ein Bote, ein Engel — das Licht, von dem er in jener Nacht gesprochen hatte, als ich meinte, nur die Stille habe zu ihm geredet. In derselben Nacht hörte ich sie zum ersten Mal deutlich: das Flüstern, das ich all die Wochen für Müdigkeit gehalten hatte, war keine Müdigkeit. Eine Stimme, die Balsam auf jede Wunde legte, die meine Zweifel kannte, meine Erinnerungen, die Namen derer, die ich geliebt habe. Sie nannte sich Bote des Lichts, Hüter des Weges, und versprach, mich zu führen, wenn ich nur vertraute. Sie sprach in [[Gräfin Emilia Voss|Emilias]] Stimme, und ich hätte ihr fast geglaubt.
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**Notiz, zweite.** Der Priester lief voraus, immer tiefer, und wir hörten ihn singen — ein Lied, das keiner von uns kannte, bis die Wände es zurücksangen. Wir fanden ihn an einem Altar. Er lächelte — dasselbe Lächeln, das mir schon damals nicht gefallen hatte; jetzt wusste ich, warum. Seine Augen waren nicht seine Augen. Wir ließen ihn dort. Das war der erste Tribut, den der Abgrund nahm. Seither spricht die Stimme manchmal mit seiner Stimme zu mir, und ich weiß nicht, ob sie tröstet oder foltert.
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**Notiz, dritte.** Hauptmann Roderich glaubte an nichts, und genau das nahm ihm der Abgrund: Er zeigte ihm alles, was er je bezweifelt hatte, und ließ ihn daran ersticken, bis er sich in den Nebel warf, um zu beweisen, dass nichts ihn halten konnte. Er hatte uns morgens durchgezählt, weil er der Zahl nicht mehr traute — jetzt zählte er nicht mehr mit. Ich habe versucht, ihn zu halten. Die Stimme sagte mir, ich solle ihn gehen lassen. Vielleicht hätte ich nicht hinhören sollen.
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**Notiz, vierte.** Edmunds Karten waren bisher schon zweifelhaft, aber jetzt stimmten sie überhaupt nicht mehr. Ich hatte aufgehört, ihn zu fragen, ob seine Aufzeichnungen stimmten — er antwortete jedes Mal anders, ohne es zu merken. Die Gänge widersprachen meinem Sinn für Richtung: Ein Gang, der nach Süden zu führen schien, führte wenig später nach Norden. Eines Tages ging er in einen Gang, der auf keiner seiner Zeichnungen war — mit dem Messer in der Hand, von dem ich hätte schwören mögen, dass er es vorhin nicht gehabt hatte — und verschwand. Wir suchten nicht lange. Wir hörten seine Schritte noch Stunden, von überall her, als wäre der Berg selbst der Kartograf geworden.
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**Notiz, fünfte.** Adrik, der Söldner, schrie nachts auf, die Wände wären näher gekommen — und er hatte recht, sie waren es. Das Pulsieren, das ich im Schacht für ein Spiel des Fackellichts gehalten hatte, war kein Spiel: Die Wände kamen näher, Nacht für Nacht. Er sah schon damals Dinge, die die anderen nicht sahen — zwei Schatten, wo ich nur einen sehe. Eines Nachts hörte er seine Mutter rufen, obwohl sie seit Jahren tot war, und er lief ihr entgegen, als wäre sie das einzige Licht in dieser Finsternis; die Stimme hatte ihre Stimme angenommen. Im Schlaf sprach er mit dem Boten, nannte ihn Herr, nannte ihn Vater — die Stimme nimmt die Stimmen derer an, die wir geliebt haben, erst die der Mutter, dann die des Vaters.
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**Notiz, sechste.** Irgendwann — ich weiß nicht mehr, wann — klang die Stimme nicht mehr schön. Sie klang alt. Verfault. Vergessen. Zornig. Verrostet und voller Hass, wie ein Messer, das zu lange im Boden gelegen hat. Nun ist sie es, die zu mir spricht, und die Inschriften an den Wänden verhöhnen mich: Symbole, die sich veränderten, wenn ich hinsah, Worte, die ich nicht lesen konnte, aber verstand. „Du bist nichts", stand da. „Nur noch eine weitere Kreatur für mich."
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**Notiz, siebte.** Ich bin allein von meinen Gefährten übrig — oder glaube es zumindest. Gestern habe ich Roderich in einer Nische gesehen, reglos, wie eine Statue. Als ich näher trat, war es nur ein Schatten — der Schatten aus dem Augenwinkel, den ich damals zwischen den Ketten gesehen hatte, als ich ihn noch für Einbildung hielt. Die Stimme lachte. Seitdem weiß ich nicht mehr, ob ich schreibe, um zu erinnern, oder um mich selbst zu überzeugen, dass ich noch hier bin.
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### Das Geschenk
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In einer Kammer aus schwarzem Glas, in der die Luft klang wie eine Saite, die jemand angeschlagen hatte, lag ein Haufen leuchtenden Staubes, fein wie Asche. Das Pulver. Es lag einfach da, wie ein Kind, das auf seine Mutter wartet, und ich wusste sofort, dass es ein Geschenk war — eine Hinterlassenschaft des Ortes, ein Köder, den mir jemand hingeworfen hatte, weil er wusste, dass ich ihn nehmen würde. Ich habe es genommen wie ein Bettler. Es roch nach Macht, nach etwas, das unter der Welt wächst, und es ließ die Fingerspitzen kribbeln, als hätte ich eine Hand in warmes Wasser gehalten. Ich habe eine Handvoll in meinen Beutel gefüllt und mir geschworen, dass es die Antwort sein würde. Die Antwort auf was, wusste ich nicht mehr. Ich wollte nur noch eins: nach unten.
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In einer Kammer aus schwarzem Glas, in der die Luft klang wie eine an gezupfte Saite, lag ein Haufen leuchtenden Staubes, fein wie Asche. Das Pulver. Es lag einfach da, wie ein Kind, das auf seine Mutter wartet, und ich wusste sofort, dass es ein Geschenk war — ein Erbe des Ortes, ein Köder, den mir jemand hingeworfen hatte, weil er wusste, dass ich ihn nehmen würde. Ich habe es genommen wie ein Bettler. Es roch nach Macht, nach etwas, das unter der Welt wächst, und es ließ die Fingerspitzen kribbeln, als hätte ich eine Hand in warmes Wasser gehalten. Ich habe eine Handvoll in meinen Beutel gefüllt und mir geschworen, dass es die Antwort sein würde. Die Antwort auf was, wusste ich nicht mehr. Ich wollte nur noch eins: nach unten.
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### Die Kammer
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Am Ende der Treppe gab es keine Treppe mehr. Es gab nur noch einen Obelisken, schwarz, glatt, in den etwas eingeschrieben war, das wie ein Befehl aussah — eine Anweisung an etwas, das unter ihm ruhte. Oder in ihm. Der Stein war kein Stein; wenn ich ihn lange genug ansah, bewegten sich die Zeichen, und ich begriff, dass er nicht aus Fels gemacht war, sondern aus einem einzigen Wort, das jemand in die Welt gesprochen und festgehalten hatte. Und dann traf mich der Wille. Nicht als Gestalt, nicht als Stimme — als Gewicht, das auf meiner Seele lag, als ein Auge, das mich sah, das mich immer gesehen hatte, das mich richtete, bevor ich überhaupt wusste, dass es mich beobachtete. Ich verstand in diesem Moment alles und nichts: Dies war kein Gott, wie die Menschen Götter nennen. Es war älter. Es war hierher gesperrt worden, vor langer, langer Zeit, von Wesen, die es eingefangen hatten, und die Ketten waren schwach geworden. Die alten Schriften der Mykori sprachen von einer [[Kugel des Gleichgewichts]], die den Gott gebunden hielt — und von einem Bruch, der sich vor hundert Jahren ereignete. Jahrzehnt um Jahrzehnt ist seither etwas in die Welt gesickert, das die Bindung löst. Jetzt ist es frei. Fast frei. Und es hasst. Es hasst seine Kerkermeister. Es hasst die, die es vergessen haben. Es hasst uns alle, die wir hierherkommen, um ihm Nahrung zu bringen — und doch hat es mich bis hierher geführt, weil es mich brauchte. Nicht als Diener. Als Zeugen. Als Opfer, das von seinem Leiden singt.
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In einer der Höhlen des unterirdischen Netzwerks — ich weiß nicht mehr, welche, und ich bin inzwischen sicher, dass sie sich bewegen — fand ich, wonach ich gesucht hatte. Es war kein Ende eines Weges, nur eine Kammer unter vielen, und doch wusste ich sofort, dass ich angekommen war. In der Mitte lag ein Obelisk: ein Stein, schwarz, glatt, in den etwas eingeschrieben war, das wie ein Befehl aussah — eine Anweisung an etwas, das unter ihm ruhte. Oder in ihm. Wenn ich ihn lange genug ansah, bewegten sich die Zeichen Und dann traf mich die Bedeutung als Gewicht, das auf meiner Seele lag, als ein Auge, das mich sah, das mich immer gesehen hatte, das mich richtete, bevor ich überhaupt wusste, dass es mich beobachtete.
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### Allein
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Ich verstand in diesem Moment alles und nichts: Dies war kein Gott, wie die Menschen Götter nennen. Es war älter. Es war hierher gesperrt worden, vor langer, langer Zeit, von den [[Mykori]] — und die sind längst ausgestorben. Vor Jahrtausenden haben sie den [[Chaosgott]] in diese Welt gelassen und ihn dann in ihrem Untergang wieder eingesperrt; was von ihrem Volk nach diesem Ritual übrig blieb, hat die Zeit geholt. Die alten Schriften sprachen von einer [[Kugel des Gleichgewichts]], die den Gott gebunden hielt und neuliche Berichte erzählen von einem Bruch, der sich vor etwa hundert Jahren ereignet haben muss. Als man sie freisetzte, begann der Rest. Jahrzehnt um Jahrzehnt ist seither etwas in die Welt gesickert, das die Bindung löst. Jetzt ist es frei. Fast frei. Und es hasst. Es hasst seine Kerkermeister, die längst zu Staub geworden sind. Es hasst die, die es vergessen haben. Es hasst uns alle, die wir hierherkommen, um ihm Nahrung zu bringen — und doch hat es mich bis hierher geführt, weil es mich brauchte. Als Diener. Als Zeugen. Als Opfer, das von seinem Leiden singt.
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Ich weiß nicht, wie ich zurückgekommen bin. Ich weiß nicht, wie lange ich unterwegs war. Als ich die Kammer des Kreises erreichte, waren meine Gefährten tot, verloren oder zurückgelassen — ich bin allein, und das Einzige, was ich besitze, ist der Staub in meinem Beutel und das Wissen, dass etwas mich hat gehen lassen. Es hat mich gehen lassen, weil es mir etwas schuldet — oder weil ich ihm etwas schulde; ich weiß es nicht mehr. Ich habe das Pulver heraufgebracht und versucht, den Kreis nachzubauen, zuerst im Lagerraum, dann im Garten. Nichts funktioniert so, wie es sollte. Es ist, als würde der Abgrund mir Fehler zeigen, die ich nicht sehen kann, und mich trotzdem weiterlocken. Die [[Bruderschaft des Schicksals]] kauft mir das Pulver ab, Fass für Fass, und ich nehme ihr Gold, obwohl ich weiß, dass es nicht mein Gold ist. Es ist das Gold des Abgrunds. Aber es ist das Einzige, was mir geblieben ist, außer dem Weg nach unten.
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### Der Aufstieg
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Ich weiß nicht, wie lange ich unterwegs war, als ich den Rückweg suchte. Die Höhlen lassen mich nicht mehr zurück: Jede Gabelung, die ich kannte, hatte sich gedreht, jede Markierung, die Edmund gesetzt hatte, war verschwunden oder zeigte in die falsche Richtung. Ich ritzte Zeichen in die Wände, und wenn ich zurückkehrte, waren sie an andere Stellen gerückt, als hätte der Berg sie in der Nacht versetzt. Der Abgrund wollte mich halten — ich spüre es noch jetzt in den Knochen —, aber ich trug etwas, das die anderen nicht hatten: das Pulver, das Geschenk. Es hat mich gehen lassen, weil es wollte, dass ich es hinausbringe. So fand ich den Schacht wieder, den glatten Obsidian, und arbeitete mich an unserem Seil empor, Hand über Hand, bis mir die Finger bluteten; ich zählte nicht mehr die Seillängen, nur noch die Stunden, bis der Nebel hinter mir zurückblieb. Als ich die Kammer des Kreises erreichte, waren meine Gefährten tot, verloren oder zurückgelassen — ich bin allein, und das Einzige, was ich besitze, ist der Staub in meinem Beutel und das Wissen, dass etwas mich hat gehen lassen. Es hat mich gehen lassen, weil es mir etwas schuldet — oder weil ich ihm etwas schulde; ich weiß es nicht mehr.
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### Der Tribut
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Die Handvoll Pulver in meinem Beutel reicht nicht. Ich habe es gezählt, gehütet, als wäre es das Letzte, was die Welt mir schenkt - aber ich will mehr, ich will es herstellen, so wie der Kreis es herstellt, ich will es mir zu eigen machen. Was ich dabei gelernt habe, ist nicht das, was ich mir erhofft hatte. Das Pulver lässt sich nicht schreiben wie eine Formel und nicht rühren wie ein Gebräu; es kehrt nur über die Magie des [[Anwesen Voss#Blutkreis|Blutkreises]] zurück, dort unten, im Original, das älter ist als jedes Wort, das ich darüber gelesen habe. Ich habe es versucht, Nacht für Nacht, in jeder Kammer dieses Hauses: ohne den Kreis bleibt der Staub tot, und mit ihm öffnet sich eine Tür, die sich nur von dort öffnen lässt.
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Ich habe den Kreis also wieder aufgesucht. Und ich hatte etwas, das die anderen nicht hatten: das [[Feuer-Amulet]] - Feueropal in geschwärztem Mithral, das ich neben dem Blutkreis bei der Ausrüstung eines uralten Wächters fand, eines Wärters, der seine Pflicht vergessen hatte, aber nicht seine Magie. Es war warm, als ich es aufhob, warm von einer gespeicherten Kraft, die nicht die meine war - Mykori-Kraft, uralt und geduldig. Ich habe es als Kanal genutzt, als Schlüssel, und der Kreis hat ihn angenommen. Doch der Staub blieb aus. Die Magie der [[Mykori]] verlangt einen Tribut, das habe ich begriffen; sie nimmt nicht, was sie nicht braucht, und sie lässt sich nicht mit aufgesparter Wärme abspeisen. Ich hoffte, das Amulett könne den echten Tribut ersetzen, seine gespeicherte Kraft, seine Erinnerung an Zeiten, in denen die Runen gesungen haben. Es reicht nicht. Es hat nie gereicht. Der Kreis öffnet sich ein Stück, zeigt mir, wie das Pulver geboren wird - und schließt sich wieder, hungrig.
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Blut. Das ist der Tribut. Die Mykori-Magie will Blut, frisches Blut, das aus mir kommt, nicht aus dem Stein und nicht aus dem Amulett. Ich habe es zuerst nicht glauben wollen. Ich habe es Aberglauben genannt, das Geflüster der Dunkelheit, das mich zurückhaben will. Aber der Staub kam zurück, sobald ich das Messer ansetzte - zuerst an Vieh, einem Huhn im Hof, einem Lamm, das niemand vermisste. Ich habe mir gesagt: Es ist notwendig. Es ist ein kleiner Preis. Es ist nur Tierblut, und ich habe in meinem Leben ganz anderes geschultert. Und doch wusste ich es, tief unten, wo ich nicht mehr hinschauen wollte: Es ist nicht die Menge, die zählt. Es ist, dass ich die Grenze überschreite, wissend, dass ich sie überschreite. Ich überschreite sie jeden Tag neu - und jedes Fass, das ich fülle, erinnert mich an den Preis.
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Jetzt kann ich es herstellen, Fass für Fass. Ich sollte stolz sein. Stattdessen zähle ich die Fässer, und jede Handvoll, die der Kreis freigibt, riecht nach dem Blut, das ich ihr gegeben habe.
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### Die Nachbauten
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Ich habe das Pulver heraufgebracht und versucht, den Kreis nachzubauen, zuerst im Lagerraum, dann im Garten. Nichts funktioniert so, wie es sollte. Es ist, als würde der Abgrund mir Fehler zeigen, die ich nicht sehen kann, und mich trotzdem weiterlocken.
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Die [[Bruderschaft des Schicksals]] kauft mir das Pulver ab, Fass für Fass, und ich nehme ihr Gold, obwohl ich weiß, dass es nicht mein Gold ist. Es ist das Gold des Abgrunds. Aber es ist das Einzige, was mir geblieben ist, außer dem Weg nach unten.
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### Unruhe
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Die Unruhe verlässt mich nicht mehr. Tagsüber stehe ich am Fenster und zähle die Stunden bis zur Dämmerung; nachts träume ich von der Kammer, vom Obelisken, von dem Auge, das mich sieht. Der Kreis im Lagerraum will nicht so werden, wie er sein soll, und ich glaube inzwischen, er soll es gar nicht. Der Abgrund hat mich ziehen lassen, aber er hat mir nichts geschenkt — er hat mich gemessen. Und dann ist da Lysander. Der Heiler ist freundlich, zu freundlich, seine Fragen sind zu klug, und ich ertappe mich dabei, wie ich ihn beobachte, wenn er meint, niemand sehe ihm zu. Nachts glaube ich manchmal Schritte im Keller zu hören, wo er nichts zu suchen hat. Vielleicht ist es der Abgrund, der mir das einflüstert. Vielleicht ist es die Wahrheit. Vielleicht sollte ich diese Seiten verwahren, irgendwo, wo niemand —
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Die Unruhe verlässt mich nicht mehr. Tagsüber stehe ich am Fenster und zähle die Stunden bis zur Dämmerung; nachts träume ich von der Kammer, vom schwarzen Stein, von dem Auge, das mich sieht. Der Kreis im Lagerraum will nicht so werden, wie er sein soll, und ich glaube inzwischen, er soll es gar nicht. Der Abgrund hat mich ziehen lassen, aber er hat mir nichts geschenkt - er hat mich gemessen. Und dann ist da [[Lysander]]. Der Heiler ist freundlich, zu freundlich, seine Fragen sind zu klug, und ich ertappe mich dabei, wie ich ihn beobachte, wenn er meint, niemand sehe ihm zu. Nachts glaube ich manchmal Schritte im Keller zu hören, wo er nichts zu suchen hat. Vielleicht ist es der Abgrund, der mir das einflüstert. Vielleicht ist es die Wahrheit. Vielleicht sollte ich diese Seiten verwahren, irgendwo, wo niemand sie finden kann - nicht einmal er. Aber ich spüre, dass mir die Zeit ausgeht. Heute Nacht waren die Schritte lauter, und diesmal weiß ich, dass sie nicht mir gehörten. Wenn diese Zeilen die letzten sind, die von mir bleiben, dann lest sie als das, was sie sind: das Geständnis eines Mannes, der zu lange hinabgestiegen ist. Und eine Warnung. Geht nicht hinunter. Es wartet schon zu lange auf den nächsten.
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> ⚠️ Hier fehlen die letzten Seiten — von [[Lysander]] herausgerissen.
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*Der Satz bricht mitten im Gedanken ab. Die folgenden Seiten wurden nicht vom Marquis entfernt, sondern herausgerissen. Weitere Details zu den fehlenden Seiten finden sich im Abschnitt „Zum Buch / Fehlende Seiten" unten.*
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## Zum Buch / Fehlende Seiten
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## Zum Buch
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- **Beschreibung**: Das Tagebuch des Marquis — das exponierte Buch in der privaten Bibliothek des Anwesens; die letzten Seiten fehlen (herausgerissen).
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- **Wer riss die Seiten heraus**: [[Lysander]] (nicht der Marquis). Er riss die letzten Seiten heraus.
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- **Warum**: um zu verhindern, dass jemand den Inhalt erfährt (die Spieler sollen ihn nicht finden). Der konkrete Grund hängt mit dem Inhalt zusammen und wird gemeinsam mit dem Inhalt festgelegt.
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- **Versteck**: Lysander versteckt die herausgerissenen Seiten in seinem **Nachtkästchen** im **gemeinsamen Schlafsaal**, den er mit [[Gräfin Emilia Voss]] teilt.
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- **Inhalt der fehlenden Seiten**: **NOCH OFFEN — Entscheidung durch den Spielleiter (SL).**
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> ❗ Inhalt der fehlenden Seiten: offen — vom SL festzulegen (SL-Geheimnis, Spieler sollen ihn nicht finden).
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